Als ich das erste Mal nach Bogotá gekommen bin war ich 20 Jahre jung, jemand der keine Ahnung hat was ihn erwartet. Ich bin 23:12 angekommen. In der rechten oberen Ecke meines Handys konnte ich eine kleine 5 vor dem Doppelpunkt erkennen. Ich verstand kein Wort von dem was die Frau am Flughafen von mir wollte. An das was danach geschah kann ich mich kaum noch erinnern. Ich fuhr im Taxi durch eine riesige Stadt. Der Mann neben mir redete Englisch mit einem kolumbianischen Akzent. Wir fuhren lange, passierten große, gut ausgebaute Straßen, entfernten uns immer weiter vom Flughafen. Die Straßen wurden kleiner und enger. Als wir angekommen waren schleppte ich meine beiden Taschen die Treppen hoch, sagte dass ich keinen Hunger hätte und ging schlafen.
Die nächsten Tage verbrachte ich lesend im Park, im Camp für die Neuangekommenen und anschliessend halbtags im Spanischkurs. Die Nachmittage war ich mit anderen Freiwilligen unterwegs. Freiwillig sind wir alle, bis jetzt haben wir ja auch noch nicht eine Stunde gearbeitet.
In den ersten Arbeitswochen schlafe ich viel. Die Luft ist deutlich dünner als gewohnt und das tägliche Lernpensum erledigt den Rest.
Als ich etwa neun Monate später zum zweiten Mal nach Bogotá komme, ist alles anders. Diesmal bin ich 21 Jahre alt. Mein Handy ist ein anderes aber zeigt die gleiche Uhrzeit, wie die der anderen. Ich weiß was mich erwartet.
Ich trage meine beiden Taschen aus dem kleinen Bus, der uns bis zum Hauptgebäude der Fundación gefahren hat und nur fünf Minuten später sitze ich mit den vier Kollegenen, mit denen ich in den letzten drei Monaten gemeinsam ein Team gebildet habe an einem Tisch. Wir warten auf unsere Chefin.
4 1/2 Stunden später verlassen wir das Büro wieder. Diesmal habe ich alles verstanden was gesagt wurde. Die folgenden zwei Wochen verbringe ich nicht lesend im Park oder im Spanischkurs.
Ich bin zehn bis elf Stunden täglich an meinen Stuhl gefesselt. Vor mir, auf dem Bildschirm ist anfangs ein 35 Seiten langes Dokument geöffnet. In den nächsten zwei Wochen sollten zwei Dokumente und insgesamt etwa 70 Seiten dazu kommen. Meine Kollegen und ich schreiben den ganzen Tag. Ich muss immer wieder mein Wörterbuch zu Rate ziehen, bin ein bisschen langsamer als die anderes aber gleiche es aus, indem ich morgens früher komme.
In Melgar, der größten Gemeinde in der ich gearbeitet habe, ist ein riesiger Berg an Informationen zusammengekommen. Über 70 Interviews, Systematisationen von teilnehmenden Beobachtungen in über 20 Bars und Diskotheken, all das, was wir in den Wohnvierteln gesehen haben, 10 Workshops mit Kinder, 5 Workshops mit Müttern, 2 Diskussionsgruppen mit sozialen Aktueren, der politische Rahmen für die Jahre 2008-2011 und und und. Jetzt müssen wir die Informationen miteinander verknüpfen. Systematisieren, reflektieren, kommentieren und anschließend unsere Empfehlungen abgegeben. Das Bürgermeisteramt, die Schulen und das kolumbianische Familienministerium sind gespannt auf die Endfassung. Alles muss perfekt sein.
Ich stehe morgens halb sieben auf und bin um acht im Büro die anderen kommen zwischen neun und zehn. Zwischen 18:30 und 19:00 müssen wir gehen. Die Sekretärin will los und hat den Schlüssel für die Tür. Im Bus nach Hause lese ich mir die Ergebnisse anderer, ähnlicher Untersuchungen durch um vielleicht noch eine Sichtweise oder Schlussfolgerung zu entdecken, die wir bisserher vergessen haben. Abends mache ich kaum etwas. Manchmal telefonieren wir um uns abzusprechen, was noch fehlt. Meist sitze ich einfach vor dem Computer gucke Filme oder bin bei Facebook. Das zweite Profil nutze ich immer noch. Ich schreibe mit einem Franzosen. Reicher alter Mann, der eine Finca in Nilo hat und dort die Mädchen aus Santa Marta manchmal mit hinnimmt. Wenn die Fundación sich sicher ist, dass es sich dabei auch um Minderjährige handelt, wird der Fall an eine Sondereinheit von Interpol weitergereicht. Die ermitteln dann weiter. Nach 22 Jahren verfügt die Fundación über das nötige Netzwerk für solche Aktionen.
Vor etwa zwei Monaten konnte das erste Mal ein wichtiger Erfolg in der Bekämpfung von internationalem Sextourismus in Kolumbien erziehlt werden. In Cartagena wurde ein Italiener zu 15 Jahren Haft verurteilt. Die Fundación Renacer hat den Jungen der überlebte nach dem Vorfall betreut. Die Einzelheiten von der uns die Direktorin erzählte, sind so unangenehm, dass ich sie lieber nicht aufschreiben will.
Im März sollen Projekte in Melgar starten. Die Fundación ist in Gesprächen mit der Europäischen Union und einem der Geldgeber, der auch unsere Arbeit in den letzten drei Monaten mitfinanziert hat. Ich bin gespannt welche Entwicklungen der Sextourismus mit minderjährigen Opfern dort nimmt.
Ach ja, und freiwillig bin ich noch immer, vielleicht gerade weil ich schon mehr als eine Stunde gearbeitet habe.
Samstag, 23. Oktober 2010
Dienstag, 28. September 2010
Strategiewechsel
Am 26.09.2010 um 11:12 Uhr war es soweit. Wir wussten uns nicht mehr anders zu helfen. Facebook musste herhalten.
Wir sind seit einer Woche in Chinaute und die magere Ausbeute sind drei Taxifahrer, die nebenberuflich als Zuhälter arbeiten, ein Verwalter einer Finca (Wochenendhaus), der möglicherweise Minderjährige beschaffen kann, eine Finca in der jedes Wochenende Swingerpartys veranstaltet werden. Ob an den Partys unter achtzehn Jährige teilnehmen müssen wir noch herausfinden. Mit Minderjährige selbst haben wir noch nicht gesprochen.
Strategiewechsel. Wir haben den Vorteil mit zwei Teams in Chinauta zu arbeiten. Die Frauen kümmern sich um die Institutionen wie Schulen, Krankenhäuser, Bürgermeisteramt und Polizei, die Workshops mit Müttern und Schülern und was es sonst noch gibt. Ein Kollege und ich, wir sind Klienten. Immer auf der Suche nach den jungen Mädchen. 15, 16,17 oder vielleicht auch 14 aber bloß nicht älter. Vorher musste das alles ein und das selbe Team erledigen. Die Situation in Chinauta ist anders als alles was wir bis jetzt kennen. Es gibt keinen Dorfkern. Die nächste Stadt ist nur zehn Minuten im Auto entfernt. Hier findet man nicht so schnell Minderjährige in der Straße. Der Grund ist einfach. Weil es nur eine Straße gibt. Wir beide haben also angefangen 10 Stunden am Tag bei Facebook online zu sein. Nach acht Monaten Erfahrung habe ich nur zu oft die Geschichten von den Kindern gehört, die über das Internet ihre Klienten suchen.
Am 26.09. hieß es dann also "Willkommen bei Facebook". Bis 3:00 nachts habe ich Fotos hochgeladen, Freunde gesucht, das Profil von Felix Peters bearbeitet bis es halbwegs echt aussieht.
12 Stunden später habe ich über 80 Freunde, 5 Fotoalben, bin auf 19 Fotos verlinkt und meine Pinnwand ist ausreichend voll mit lauter Einträgen von Leuten aus Deutschland und Kolumbien, Dingen die ich mag und anderen Kleinigkeiten.
Also ging es los. Gruppen von Schulen in Chinauta und Fusa suchen und Jungs und Mädels, die ihre Schule mögen als Freunde hinzufügen. Alle Mitglieder aus Gruppen wie "die Mädchen aus Fusa", "hübsche Mädchen aus Fusa" oder "Bildhübsche Fusanerinnen". So viel wie möglich. Um 6 Uhr abends wird die Euphorie das erste Mal gestoppt. Facebook fängt an mich immer öfter zu fragen ob ich das Mädchen oder den Jungen auch wirklich kenne. Also ein Gang runterschalten und warten. Nach den ersten Angenommenen Freundschafteinladungen fange ich an mit den Leuten zu chatten.
"Hallo, wie geht's?"
"Gut, gut... und dir?"
"Auch. Du bist aus Fusa oder"
"Ja, und du?"
"Oh, ich bin Österreicher... aber zur Zeit in Kolumbien"
"Was machst du hier?"
"Reisen, Spanisch und die Menschen dieses wunderbaren Landes (kennen)lernen"
"Cool... und wo bist du gerade?"
"In Bogotá... ich will bald nach Fusa, da soll es wärmer sein?!"
"Ja, ist viel wärmer als Bogotá"
"Cool... und sind alle Mädchen in Fusa so hübsch wie du ;-)?"
"Hahaha... nicht alle aber die meisten"
"..."
"aber du siehst auch nicht schlecht aus"
"Danke... und was machst du so?"
"Geh noch zur Schule"
"Wie alt bist du denn?"
"sechszehn und du"
"einundzwanzig... entschuldige die Frage: Hast du eigentlich einen Freund?"
"nö"
"jemand so hinreißendes wie du ohne Freund???"
"Hat vor drei Monaten schluss gemacht"
"Scheint nicht zu wissen was er da verpasst ;-)"
"hahaha... muss los, gibt Abendbrot bei mir"
"Okay... wir reden später???!"
"Ja... ciao"
"ciao"
Carolina ist offline
Mein Kollege hat das selbe Mädchen als Freundin bei Facebook und schreibt fleissig mit ihr. Weniger an ihrem Äußeren, mehr an ihrer Persönlichkeit interessiert.
Als sie das nächste Mal online ist kann nur er sie sehen und mit ihr schreiben. Für Felix Peters ist sie offline. Anscheinend hat sie ihn in eine Gruppe für ausländische Lustmolche verbannt. Gut für sie. Schlecht für unsere Arbeit.
Also fangen wir an mit der Nächsten zu chatten.
Wir sind seit einer Woche in Chinaute und die magere Ausbeute sind drei Taxifahrer, die nebenberuflich als Zuhälter arbeiten, ein Verwalter einer Finca (Wochenendhaus), der möglicherweise Minderjährige beschaffen kann, eine Finca in der jedes Wochenende Swingerpartys veranstaltet werden. Ob an den Partys unter achtzehn Jährige teilnehmen müssen wir noch herausfinden. Mit Minderjährige selbst haben wir noch nicht gesprochen.
Strategiewechsel. Wir haben den Vorteil mit zwei Teams in Chinauta zu arbeiten. Die Frauen kümmern sich um die Institutionen wie Schulen, Krankenhäuser, Bürgermeisteramt und Polizei, die Workshops mit Müttern und Schülern und was es sonst noch gibt. Ein Kollege und ich, wir sind Klienten. Immer auf der Suche nach den jungen Mädchen. 15, 16,17 oder vielleicht auch 14 aber bloß nicht älter. Vorher musste das alles ein und das selbe Team erledigen. Die Situation in Chinauta ist anders als alles was wir bis jetzt kennen. Es gibt keinen Dorfkern. Die nächste Stadt ist nur zehn Minuten im Auto entfernt. Hier findet man nicht so schnell Minderjährige in der Straße. Der Grund ist einfach. Weil es nur eine Straße gibt. Wir beide haben also angefangen 10 Stunden am Tag bei Facebook online zu sein. Nach acht Monaten Erfahrung habe ich nur zu oft die Geschichten von den Kindern gehört, die über das Internet ihre Klienten suchen.
Am 26.09. hieß es dann also "Willkommen bei Facebook". Bis 3:00 nachts habe ich Fotos hochgeladen, Freunde gesucht, das Profil von Felix Peters bearbeitet bis es halbwegs echt aussieht.
12 Stunden später habe ich über 80 Freunde, 5 Fotoalben, bin auf 19 Fotos verlinkt und meine Pinnwand ist ausreichend voll mit lauter Einträgen von Leuten aus Deutschland und Kolumbien, Dingen die ich mag und anderen Kleinigkeiten.
Also ging es los. Gruppen von Schulen in Chinauta und Fusa suchen und Jungs und Mädels, die ihre Schule mögen als Freunde hinzufügen. Alle Mitglieder aus Gruppen wie "die Mädchen aus Fusa", "hübsche Mädchen aus Fusa" oder "Bildhübsche Fusanerinnen". So viel wie möglich. Um 6 Uhr abends wird die Euphorie das erste Mal gestoppt. Facebook fängt an mich immer öfter zu fragen ob ich das Mädchen oder den Jungen auch wirklich kenne. Also ein Gang runterschalten und warten. Nach den ersten Angenommenen Freundschafteinladungen fange ich an mit den Leuten zu chatten.
"Hallo, wie geht's?"
"Gut, gut... und dir?"
"Auch. Du bist aus Fusa oder"
"Ja, und du?"
"Oh, ich bin Österreicher... aber zur Zeit in Kolumbien"
"Was machst du hier?"
"Reisen, Spanisch und die Menschen dieses wunderbaren Landes (kennen)lernen"
"Cool... und wo bist du gerade?"
"In Bogotá... ich will bald nach Fusa, da soll es wärmer sein?!"
"Ja, ist viel wärmer als Bogotá"
"Cool... und sind alle Mädchen in Fusa so hübsch wie du ;-)?"
"Hahaha... nicht alle aber die meisten"
"..."
"aber du siehst auch nicht schlecht aus"
"Danke... und was machst du so?"
"Geh noch zur Schule"
"Wie alt bist du denn?"
"sechszehn und du"
"einundzwanzig... entschuldige die Frage: Hast du eigentlich einen Freund?"
"nö"
"jemand so hinreißendes wie du ohne Freund???"
"Hat vor drei Monaten schluss gemacht"
"Scheint nicht zu wissen was er da verpasst ;-)"
"hahaha... muss los, gibt Abendbrot bei mir"
"Okay... wir reden später???!"
"Ja... ciao"
"ciao"
Carolina ist offline
Mein Kollege hat das selbe Mädchen als Freundin bei Facebook und schreibt fleissig mit ihr. Weniger an ihrem Äußeren, mehr an ihrer Persönlichkeit interessiert.
Als sie das nächste Mal online ist kann nur er sie sehen und mit ihr schreiben. Für Felix Peters ist sie offline. Anscheinend hat sie ihn in eine Gruppe für ausländische Lustmolche verbannt. Gut für sie. Schlecht für unsere Arbeit.
Also fangen wir an mit der Nächsten zu chatten.
Samstag, 11. September 2010
Freitag, 10.09.2010
Es ist 22:34. Wir sitzen in einer kleinen Bar. Aus den Lautsprecherboxen der Jukebox dringt laute Musik. Was die aufgeregten Stimmen am Nachbartisch sagen ist trotzdem noch zu verstehen. Immer wieder gucken die drei Frauen und deren zwei Begleiter zu uns rüber. Wir fühlen uns ein bisschen unwohl. Etwa wie ein Fünftklässler der beim Abschreiben erwischt wurde.
10 Stunden früher: Die Sonne brennt vom Himmel. Im Haus der Kultur ist es stickend heiß. Ich muss immer wieder an den Pool direkt vor unserem Bungalow denken. Zweiundzwanzig Frauengesichter blicken uns erwartungsvoll an. Die Mütter profitieren von einem staatlichen Programm, das ihnen etwa 140.000 Pesos monatlich zur Unterstützung ihrer Kinder bereitstellt. Es ist zu bemerken wer aus ehrlichem Interesse gekommen ist und wer nur da ist um seine Pflicht zu erfüllen. Wir erklären wer wir sind, woher wir kommen und was wir in Nilo machen.Wie immer beginnen wir mit dem 30 minütigen Video der Fundación. Fünf Geschichten von Minderjährigen, denen das selbe passiert ist wie den geschätzten 35.000 Kindern und Jugendlichen die sich in Kolumbien noch immer in kommerzieller sexueller Ausbeutung befinden. Das Desinteresse, fast schon Abneigung einer der Teilnehmenden bleibt uns nicht verborgen. Nach etwa 25 Workshops dieser Art wissen wir ihre Mimik und Gestik zu deuten. Die junge Frau, nicht älter als dreißig ist mit Sicherheit in irgendeiner Form direkt Betroffene von dem was wir zeigen und zu erklären versuchen.
Sie hat sich mit ihrem Leben so eingerichtet. Sicher nicht freiwillig aber wer einmal daran gewöhnt ist will keine Hilfe. Aus Zeitmangel haben wir es aufgegeben jedem helfen zu wollen.
Etwa 5 Minuten später bezahlen die fünf ihre Rechnung. Eine der Frauen kennen wir von heute Nachmittag. Sie bestätigt mit ihrer Anwesenheit, was wir schon wussten. Die beiden Männer sind offensichtlich Klienten. Kleidung, Körperbau und Verhalten lässt auf Militärs aus der Schule zur Ausbildung professioneller Soldaten schließen. Die anderen beiden kennen wir gut. Maria* und ihre Mutter. In den letzten Wochen hatten wir immer wieder Kontakt mit der 17 Jährigen und ihrem einzigen noch lebenden Elternteil. Bis heute Abend haben die beiden geglaubt wir würden hier Urlaub machen. Sie haben bereitwillig mit uns über alles geredet. Nicht immer die Wahrheit aber zumindest waren sie nicht so verschlossen wie andere. Was ihnen jetzt erzählt wurde war neu für sie.
Keiner aus der Gruppe weiß uns einzuordnen. Es fällt das Wort Polizei. Dass das unrealistisch ist, sollte ihnen nach kurzem Nachdenken klar werden. Kurz darauf verlassen die Männer und deren käufliche Begleiterinnen ihren Tisch. Maria und ihre Mutter gucken stur geradeaus. Keine der beiden winkt uns zum Abschied wie sonst.
Wir bleiben noch etwa eine Stunde sitzen. Es tut sich nichts und wir machen uns auf den Weg zu unserem Bugalow. Das unangenehme Gefühl will nicht verschwinden. Uns war klar, dass wir mit einem Workshop dieser Art mitten im Zentrum Nilos die verdeckten Ermittlungen vollends begraben können. Das es so schnell geht hätten wir nicht gedacht.
*Name von der Redaktion geändert
10 Stunden früher: Die Sonne brennt vom Himmel. Im Haus der Kultur ist es stickend heiß. Ich muss immer wieder an den Pool direkt vor unserem Bungalow denken. Zweiundzwanzig Frauengesichter blicken uns erwartungsvoll an. Die Mütter profitieren von einem staatlichen Programm, das ihnen etwa 140.000 Pesos monatlich zur Unterstützung ihrer Kinder bereitstellt. Es ist zu bemerken wer aus ehrlichem Interesse gekommen ist und wer nur da ist um seine Pflicht zu erfüllen. Wir erklären wer wir sind, woher wir kommen und was wir in Nilo machen.Wie immer beginnen wir mit dem 30 minütigen Video der Fundación. Fünf Geschichten von Minderjährigen, denen das selbe passiert ist wie den geschätzten 35.000 Kindern und Jugendlichen die sich in Kolumbien noch immer in kommerzieller sexueller Ausbeutung befinden. Das Desinteresse, fast schon Abneigung einer der Teilnehmenden bleibt uns nicht verborgen. Nach etwa 25 Workshops dieser Art wissen wir ihre Mimik und Gestik zu deuten. Die junge Frau, nicht älter als dreißig ist mit Sicherheit in irgendeiner Form direkt Betroffene von dem was wir zeigen und zu erklären versuchen.
Sie hat sich mit ihrem Leben so eingerichtet. Sicher nicht freiwillig aber wer einmal daran gewöhnt ist will keine Hilfe. Aus Zeitmangel haben wir es aufgegeben jedem helfen zu wollen.
Etwa 5 Minuten später bezahlen die fünf ihre Rechnung. Eine der Frauen kennen wir von heute Nachmittag. Sie bestätigt mit ihrer Anwesenheit, was wir schon wussten. Die beiden Männer sind offensichtlich Klienten. Kleidung, Körperbau und Verhalten lässt auf Militärs aus der Schule zur Ausbildung professioneller Soldaten schließen. Die anderen beiden kennen wir gut. Maria* und ihre Mutter. In den letzten Wochen hatten wir immer wieder Kontakt mit der 17 Jährigen und ihrem einzigen noch lebenden Elternteil. Bis heute Abend haben die beiden geglaubt wir würden hier Urlaub machen. Sie haben bereitwillig mit uns über alles geredet. Nicht immer die Wahrheit aber zumindest waren sie nicht so verschlossen wie andere. Was ihnen jetzt erzählt wurde war neu für sie.
Keiner aus der Gruppe weiß uns einzuordnen. Es fällt das Wort Polizei. Dass das unrealistisch ist, sollte ihnen nach kurzem Nachdenken klar werden. Kurz darauf verlassen die Männer und deren käufliche Begleiterinnen ihren Tisch. Maria und ihre Mutter gucken stur geradeaus. Keine der beiden winkt uns zum Abschied wie sonst.
Wir bleiben noch etwa eine Stunde sitzen. Es tut sich nichts und wir machen uns auf den Weg zu unserem Bugalow. Das unangenehme Gefühl will nicht verschwinden. Uns war klar, dass wir mit einem Workshop dieser Art mitten im Zentrum Nilos die verdeckten Ermittlungen vollends begraben können. Das es so schnell geht hätten wir nicht gedacht.
*Name von der Redaktion geändert
Dienstag, 31. August 2010
Es wird immer kleiner...
Wir sind jetzt in Nilo angekommen. Eigentlich nicht jetzt sondern schon vor 10 Tagen. Dass ich mir solange Zeit gelassen hab mal wieder was zu veröffentlichen will ich auf die Tatsache schieben, dass wir fast ausschließlich mit Schreibarbeit beschäftigt sind.
Unter der Woche ist hier eigentlich nichts los und weil uns ein großer Teil der Systematisation der Arbeit in Melgar fehlt haben wir uns erstmal darauf gestürzt. Mein Spanisch ist natürlich nach wie vor nicht perfekt. Es reicht allerdings, dass ich mich aktiv an diesem Prozess beteiligen kann. Meine Bericht werden zwar immer nochmal korrigiert aber das dauert nicht länger als 15 Minuten.
Nilo ist ziemlich klein. Etwa 6000 Einwohner haben hier ihr Zuhause. Dazu kommt noch eine Militärschule mit etwa 1600 Männern die professionelle Soldaten werden wollen. Die Arbeit hier ist nochmal ein Stück anders. Jeder kennt jeden und nach einer Woche hatte man auch vom "alemán" (span. Deutscher) gehört. Wir arbeiten noch raffinierter, wenn ich das so sagen darf. Wir nehmen an jeder sozialen Aktivität teil, bei der sich die Gelegenheit bietet mit Jugendlichen aus dem Dorf zu sprechen. Am Wochenende haben wir uns mit 3 Mädels, einem Zuhälter und einem weiteren Mann (wahrscheinlich Klient der Minderjährigen) in der Finca des letztgenannten getroffen. Nach einigen unbedeutenden Wortwechseln haben wir die Pferde aufgesattelt und sind losgeritten.
Manchmal fühle' ich mich wie in einem Film.
Der Zuhälter passt allerdings nicht in das typische Profil. Wenn man sich einen kräftigen Mann Mitte 40 in langem, schwarzem Mantel vorstellt liegt man ziemlich falsch. Der Junge ist gerade mal 18 Jahre alt, selbst Opfer und seine Mutter sagt ihm immer noch wann er zu Hause sein soll.
Ansonsten ist es ziemlich ruhig. Eigentlich der perfekte Ort um ein Wochenendhaus zu haben. Die Landschaft ist beeindruckend schön und das Wort Verkehrslärm existiert hier mit Sicherheit nicht.
Morgen haben wir ein voraussichtlich letztes Treffen mit verschiedenen Akteuren staatlicher Organisationen aus Melgar. Das Ministerium für Kinder und Familie und die Polizei haben kalte Füße bekommen und wollen, dass wir Anzeigen erstatten. Die Angst der verschiedenen Institutionen ist begründet. Seit etwa 10 Jahren zeigt sich das Phänomen der kommerziellen sexuellen Ausbeutung Minderjähriger in Melgar und bis jetzt wurde nichts getan. Ist nicht besonders schön für die Lokalregierung wenn das auf einmal publik gemacht wird. Wir werden uns wohl auf die Schweigepflicht berufen und sagen, dass der Anwalt der Fundación für solche Sachen zuständig ist. Hoffentlich funktioniert's.
![]() | ||
| Nilos Umgebung um 5 Uhr Nachmittags |
Dienstag, 17. August 2010
Melgar II
"Tochter, such dir einen Soldaten!" Das ist der Rat den Eltern ihren Kindern mit auf den Weg geben. Sicher nicht in der ganzen Welt und auch nicht in allen Teilen Kolumbiens aber zumindest in Melgar. Hier gibt es nichts. Wochenendtourismus ist nahezu das einzige von dem die über 30.000 Einwohner leben. Wenn wir Workshops mit Müttern in den ärmeren Viertel veranstalten wollen und fragen welcher Tag der Beste ist, bekommen wir fast immer die selbe Antwort. Jeder, bloß nicht am Wochenende. Am Wochenende kann man auf der Straße Filme, Eis, Getränke und Essen verkaufen oder in den Fincas der Reichen putzen und kochen. Das einzige Einkommen vieler Familien.
Wir sind jetzt fertig mit unserer Diagnose in Melgar und die Ergebnisse sind besorgniserregend. Es gibt keinerlei Programme für die Opfer von sexueller kommerzieller Ausbeutung, die Polizei arbeitet in den Augen des Bürgermeisteramtes hart, wenn man die Kinder in den Schulen oder die Mütter auf der Straße fragt, was die Polizei macht, bekommt man auch nach längerem bohren nur eine kurze Antwort. "Nichts!"
Das Ministerium für Kinder und Familie und die Polizei haben keinen einzigen registrierten Fall von kommerzieller sexueller Ausbeutung Minderjähriger, die Anzahl der im Krankenhaus mit Infektionen von sexuell übertragbaren Krankheiten Behandelten hat bei den Minderjährigen und Soldaten zwei Ziffern zuviel um sich in einem normalen Rahmen zu bewegen. Einen Zusammenhang will trotzdem niemand sehen.
Soldaten sind hier die besten "Kunden". Wenn man am Wochenende durch die Straßen zieht sieht man viele der Streitkräfte in Begleitung von ein oder zwei Frauen. Geschätzte 90 Prozent der weiblichen Begleiterinnen werden dafür auf die eine oder andere Art bezahlt.
Seit einiger Zeit gibt es in Kolumbien ein neues Jugendschutzgesetz. Viele Mütter und Väter sehen darin einen der Gründe warum die Kinder in Prostitution enden. Wie soll man Töchter und Söhne erziehen, wenn man sie nicht mehr schlagen darf? Da fehlen uns die Wort. Eine der vielen Empfehlungen für die öffentlichen Einrichtungen hier wird es sicher sein Mütter und Väter bezüglich Erziehung von Kindern fortzubilden.
Minderjährigen sollte es laut Gesetz eigentlich unmöglich sein ohne Begleitung der Eltern nachts ein Hotel zu betreten. Die Klienten und Jugendlichen haben trotzdem in keinem der etwa 150 Vorhandenen ein Problem, ein Zimmer zu bekommen.
Ich hatte dank eines "weltwärts"-Seminars die Möglichkeit ein Wochenende auszuspannen. Es war interessant mit den vielen Neuangekommen zu sprechen.
Am Mittwochabend werden wir uns in die nächste Gemeinde aufmachen. Von Nilo aus werden wir dann noch eine Gesprächsgruppe mit in Melgar stationierten, amerikanischen Soldaten vorbereiten. Das einzige noch fehlende Puzzleteil.
Wie viele weitere Mädchen bis dahin dem Rat ihrer Eltern gefolgt sind lässt sich schwer sagen. Das es viele sind, bezweifel ich nicht.
Wir sind jetzt fertig mit unserer Diagnose in Melgar und die Ergebnisse sind besorgniserregend. Es gibt keinerlei Programme für die Opfer von sexueller kommerzieller Ausbeutung, die Polizei arbeitet in den Augen des Bürgermeisteramtes hart, wenn man die Kinder in den Schulen oder die Mütter auf der Straße fragt, was die Polizei macht, bekommt man auch nach längerem bohren nur eine kurze Antwort. "Nichts!"
Das Ministerium für Kinder und Familie und die Polizei haben keinen einzigen registrierten Fall von kommerzieller sexueller Ausbeutung Minderjähriger, die Anzahl der im Krankenhaus mit Infektionen von sexuell übertragbaren Krankheiten Behandelten hat bei den Minderjährigen und Soldaten zwei Ziffern zuviel um sich in einem normalen Rahmen zu bewegen. Einen Zusammenhang will trotzdem niemand sehen.
Soldaten sind hier die besten "Kunden". Wenn man am Wochenende durch die Straßen zieht sieht man viele der Streitkräfte in Begleitung von ein oder zwei Frauen. Geschätzte 90 Prozent der weiblichen Begleiterinnen werden dafür auf die eine oder andere Art bezahlt.
Seit einiger Zeit gibt es in Kolumbien ein neues Jugendschutzgesetz. Viele Mütter und Väter sehen darin einen der Gründe warum die Kinder in Prostitution enden. Wie soll man Töchter und Söhne erziehen, wenn man sie nicht mehr schlagen darf? Da fehlen uns die Wort. Eine der vielen Empfehlungen für die öffentlichen Einrichtungen hier wird es sicher sein Mütter und Väter bezüglich Erziehung von Kindern fortzubilden.
Minderjährigen sollte es laut Gesetz eigentlich unmöglich sein ohne Begleitung der Eltern nachts ein Hotel zu betreten. Die Klienten und Jugendlichen haben trotzdem in keinem der etwa 150 Vorhandenen ein Problem, ein Zimmer zu bekommen.
Ich hatte dank eines "weltwärts"-Seminars die Möglichkeit ein Wochenende auszuspannen. Es war interessant mit den vielen Neuangekommen zu sprechen.
Am Mittwochabend werden wir uns in die nächste Gemeinde aufmachen. Von Nilo aus werden wir dann noch eine Gesprächsgruppe mit in Melgar stationierten, amerikanischen Soldaten vorbereiten. Das einzige noch fehlende Puzzleteil.
Wie viele weitere Mädchen bis dahin dem Rat ihrer Eltern gefolgt sind lässt sich schwer sagen. Das es viele sind, bezweifel ich nicht.
Mittwoch, 28. Juli 2010
Melgar I
Ich bin bereits seit 12 Tagen in Melgar, eine Gemeinde mit einem Dorf etwa 2,5 Stunden westlich von Bogotá. Die Internetverbindung ist ein langsam funktionierendes UMTS-Modem, das zu allem Übel auch noch kaputt war.
Die Arbeit hier ist anders, Melgar hat nicht mehr als 30.000 Einwohner und etwa 50.000 Betten für Touristen die übers Wochenende kommen. Dass ich hier sein kann, ist für mich wirklich gut. Einerseits als Wertschätzung der Arbeit die ich in Bogotá machen konnte und andererseits nicht zu vergleichen. Das Dorf! ist ziemlich klein und alles funktioniert hier ein bisschen anders. In Melgar gibt es nichts außer Hitze, Pools und Party. Viele Bogotaner haben hier eine Wochenendhaus und kommen gelegentlich um der „Kälte“ Bogotás zu entfliehen und ein bisschen auszuspannen. Außerdem gibt es eine Militärbasis, die größte Kolumbiens und hier machen auch jede Menge Ausländer ihre Ausbildung. Mit einem Sold der Army Of The United States lebt es sich ziemlich gut in Kolumbien und diese Möglichkeit wird zu Genüge von den „Gringos“ ausgenutzt. Das Level der kommerziellen sexuellen Ausbeutung von Minderjährigen hier ist beeindruckend. Wenn man die Taxifahrer fragt was die Leute so sehr nach Melgar zieht sagt fast jeder „Sexo, Trago y Rumba“ (span.: Sex, Drinks und Party).
In kurzen Worten, Melgar kommt mir vor wie der wilde Westen. Hier kann man alles machen und niemand sagt was. Während Wahlen oder z.B. zum Tag der Unabhängigkeit (20. Juli) ist es hier verboten alkoholhaltige Getränke zu verkaufen oder an öffentlichen Orten zu konsumieren. Trotzdem haben viele Leute Bier und Likör getrunken. Ein alter Mann hat sich lautstark über die Soldaten, die den Marsch für den nächsten Tag übten, lustig gemacht und auf all das gab es keinerlei Reaktion. Auch was die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Minderjährigen angeht ist man sich im Bürgermeisteramt durchaus der Situation bewusst und kennt die Orte, gemacht wird trotzdem nichts. Es gibt zwar jede Menge Initiativen, die sich allerdings alle auf den Aspekt der Prävention beziehen. Professionelle Hilfe für die Opfer haben wir in den letzten 12 Tagen nicht entdeckt. In der Fundación Renacer machen die Kinder und Jugendlichen normalerweise einen Prozess von einer Dauer von 18 Monaten. Dafür fehlen hier in Melgar einfach die personellen und finanziellen Kapazitäten.
Ansonsten geht es mir ziemlich gut mit meiner Arbeit. Ich habe wenig Freizeit da wir 7 Tagen die Woche etwa 10-12 Stunden arbeiten und den Rest der Zeit damit beschäftigt sind unsere Arbeit zu planen und uns selbst vor allem bezüglich verschiedener sexuell übertragbarer Krankheiten fortzubilden. Die Arbeit hier ist wesentlich umfassender als in Bogotá, da wir nicht nur mit den Betroffenen reden und unsere Beobachtungen verschiedener Orte systematisieren sondern uns ebenfalls an Institutionen und Offizielle in den verschiedenen Wohnvierteln annähern. Wir führen Gesprächsgruppen mit sozialen Akteuren, Polizisten und Mitarbeitern einiger nationaler Ministerien durch, sprechen mit Müttern und organisieren Workshops in Schulen. Alles in Allem sehr abwechslungsreich und umfassend. Ich bin ein weiteres Mal ziemlich froh über die Möglichkeiten die sich hier bieten.
Von der Arbeit habe ich leider keine Bilder, das Haus in dem ich noch bis Freitag wohne, sollt ihr trotzdem sehen. Ab diesem Wochenende werden wir in Hotels übernachten. Alle drei Tage wechseln wir das Hotel mit der Absicht möglichst viel von den verschiedenen Bediensteten zu erfahren.
Dienstag, 20. Juli 2010
Beschreibung der Untersuchung der kommerziellen sexuellen Ausbeutung Minderjähriger (KSAM) in Bogotá (Kolumbien) in Verbindung mit Tourismus und Reisen aus Sicht eines Ausländers
Hierbei handelt es sich um Ausschnitte meiner Erfahrungen in Bogotá. Zur Zeit sind wir gerade in 5 Gemeinden etwa 2-3 Stunden außerhalb gelegen tätig. Wie es mir hier so ergeht werde ich in den nächsten Tagen mal schreiben.
Als ich mir darüber Gedanken machte, wie es sein wird für ein Jahr in Bogotá (Kolumbien) zu leben, kreisten meine Gedanken sehr intensiv um meine Arbeit. Die Idee des Regierungsprogramms welches meinen Aufenthalt zu einem großen Teil finanziert (“weltwärts”) ist, dass ich in einem sozialen Projekt, akkreditiert durch die deutsche Regierung, arbeite. Kurz vor meiner Ausreise stand fest, dass ich in der Fundación Renacer arbeiten werde. Eine Organisation die sich der Bekämpfung von sexueller kommerzieller Ausbeutung Minderjähriger verschrieben hat.
Dies war vollkommen neu für mich. In Deutschland habe ich bereits mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet, allerdings in einem anderen Kontext. Zudem habe ich Erfahrungen in der Arbeit mit Flüchtlingen, welche die Krisenszenarien ihrer Länder verlassen um sich erneut in ungeschützten Situationen zu befinden. Meine neue Arbeit ist eine Mischung der beiden vorherigen: Minderjährige in verletzlichen Situationen.
Meine persönlichen Motivationen waren nicht nur eine neue Sprache und ein Land des politischen Südens kennen zu lernen sondern auch den Bewohnern im Rahmen meiner Möglichkeiten zu helfen.
Die ersten Monate meines Aufenthaltes arbeitete ich in zwei verschiedenen Aufnahmezentren für Kinder und Jugendliche um deren Situation besser verstehen zu können. Hierbei handelte es sich um einen interessanten, wenngleich sehr beschränkten Einblick in die Welt der KSAM. Hatte ich doch die Möglichkeit die Opfer, jedoch nicht die konkreten Situationen der Ausbeutung kennen zu lernen.
Nach einiger Zeit bot mir die Fundación Renacer die Möglichkeit der Mitarbeit in einem Projekt mit deutlich anders gelagertem Aufgabenfeld an.
Das Team, welches zur Aufgabe hatte die KSAM in Bogotá zu untersuchen sah sich mit dem Problem konfrontiert, dass sich viele der Ausländer in sehr geschlossene Gruppen befinden. Viele der Touristen und Reisenden, die in die Hauptstadt Kolumbiens kommen, tun dies in der Überzeugung, dass es sich beim Großteil der Bevölkerung um Diebe und Drogenverkäufer handelt. Mit meinem ganz offensichtlich nicht Südamerikanischen Phänotyp und meinen Kenntnissen der Englischen und Deutschen Sprache, habe ich die Möglichkeit deutlich leichteren Zugang zu diesen Gruppen zu finden.
Ich stellte mir zu Recht vor, dass ich in dieser Arbeit die Möglichkeit habe mehr über das Leben der jungen Menschen in Kolumbien zu erfahren.
Ich verließ die sichere Umgebung meiner kolumbianischen Familie, der “ruhigen” Arbeit im Ambulatorio und aller Orte in Bogotá die ich bis zu diesem Zeitpunkt kennen gelernt habe.
Bogotá als Stadt ist ganz anders als alle großen Städte Deutschlands oder Europas die ich bis zu diesem Zeitpunkt kennen gelernt habe. Die Armut erreicht Dimensionen, die man in den Agglomerationsräumen des politischen Nordens als solche nicht beobachten kann. Der Unterschied zwischen den Reichsten und Ärmsten Teilen der Bevölkerung ist auf unangenehme Art und Weise beeindruckend. Dieser Unterschied ist in allen Bereichen des Lebens sichtbar. Häuser, Essen und Kleidung sind unterschiedlich und was mir vor allem in Bezug auf die Untersuchung der KSAM stark aufgefallen ist, sind die Unterschiede zwischen Diskotheken, Bars und anderen Orten der Unterhaltung. In der Zona Rosa, vergleichbar mit den Kölner Ringen, kostet das gleiche Bier wie im Süden den drei- bis vierfachen Preis.
Die Möglichkeiten verhältnismäßig billig Partys und Drogen zu finden ist einer der Gründe warum vor allem viele Europäer und Nordamerikaner die Stadt aufsuchen.
Trotzdem sollte man auch die Anziehungskraft vieler touristischer Attraktionen wie Museen und zum Beispiel Monserrate nicht unterschätzen. Bogotá ist nicht nur eine Stadt mit großen Problemen sondern wirkt auch wie ein Magnet auf Leute die kommen um Geschäfte zu machen; in vielerlei Hinsicht ein Zentrum der Entwicklung. In Bezug auf meine Erfahrungen mit (Geschäfts-)Reisenden und Touristen kann ich bestätigen, dass deutlich mehr Personen nach Bogotá kommen um zu arbeiten oder Geschäfte zu machen, als Touristen, die lediglich die Absicht haben etwas Neues kennen zu lernen und zu entspannen.
Nach drei Monaten Feldforschung bin ich überzeugt, das der Großteil der Ausländer in Bogotá nicht anreist um Sex (mit Minderjährigen) zu suchen. Allerdings muss man sagen, dass viele die sich bietenden Möglichkeiten wahrnehmen und Geschlechtsverkehr mit Opfern sexueller kommerzieller Ausbeutung außerhalb ihres Landes haben. Da, wo sie sich in sicherer Anonymität wissen.
In Bogotá, vor allem in der Schwulenszene wird der Jugend große Beachtung geschenkt. Es existieren z. B. Bars und Diskotheken mit ermäßigtem Eintritt für Personen unter 21 Jahren. Aufgrund der Nähe der (Schwulen-)Szene zur Prostitution von Jungen und Männern (nahezu Verschmelzung in einigen Teilen Bogotás), überträgt sich diese Beachtung auch auf die kommerzielle sexuelle Ausbeutung. Im Allgemeinen sind die Klienten nicht pädophil (Pädophilie charakterisiert sich vor allem über drei Merkmale: 1. “Das sexuelle Interesse gilt Kindern, die sich vor der Pubertät im Sinne der Geschlechtsreifung befinden. [2.] Das sexuelle Interesse ist dabei primär, das heißt ausschließlich bzw. überwiegend und ursprünglich auf Kinder ausgerichtet.
[3.] Das sexuelle Interesse ist zeitlich überdauernd.”*), wobei das große Vorhandensein und der einfache Zugang zum “Frischfleisch” als wesentliche Faktoren genannt werden können, die die KSAM fördern/erleichtern.
Des Weiteren habe ich das Gefühl, dass eine breite Akzeptanz der Prostitution in weiten Teilen der Gesellschaft besteht. Kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Personen über 18 Jahren scheint nichts Ungewöhnliches zu sein. Bis zur Akzeptanz der KSAM ist es dann nur noch ein kleiner Schritt.
Viele der Kinder und Jugendlichen enden als Opfer von Prostitution aufgrund des Fehlens von Perspektiven und Arbeit. Wir haben immer wieder mit Jugendlichen gesprochen, die ihr Studium selbst finanzieren müssen (in Kolumbien gibt es kaum öffentliche Hochschulen) oder dem Druck in den eigenen Familien einen finanziellen Beitrag zu leisten aufgrund verschiedener Faktoren nicht standhalten können. Zudem kommt ein bemerkenswerter hoher Prozentsatz an Personen, die bereits eigene Kinder besitzen.
Die bereits oben erwähnten bestehenden Unterschiede zwischen Arm und Reich sind ebenfalls in der kommerziellen sexuellen Ausbeutung zu beobachten. Oft ist es möglich eine Anzahl von Gründen vorauszusagen warum die Person sich in dieser Situation befindet, wenn man den Ort kennt, in dem sie ausgebeutet wird. Ein 15 Minütiger “Service” kostet zwischen 8.000 und 200.000 Pesos (3 bis etwa 85 Euro) und der Preis spiegelt den späteren Gebrauch des Geldes wieder. Zum einen zu Zwecken der Studienfinanzierung und zum anderen für Drogen wie Marihuana oder Kleber.
Ein anderer Faktor, der die KSAM vereinfacht ist der Fortschritt, den das Internet in den letzten Jahren gemacht hat. Viele der Jugendlichen haben Zugang zu Netz und hier finden sich unzählige Seiten zur Kontaktaufnahme mit den “Kunden” (erstaunlicherweise in vielen Fällen Facebook), dem Austausch pornografischen Materials welches sexuelle Handlungen von oder an Minderjährigen einschließt oder auch sogenannte Webcam Angebote (die zumeist Jugendlichen vollziehen sexuelle Handlungen am eigenen Körper entsprechend der Anweisungen des oft ausländischen Publikums).
An diesem Punkt wurde die Untersuchung der KSAM im Zusammenhang mit Reisen und Tourismus sehr schwer. Die zum Zwecke der Feldforschung eingerichteten Konten auf diversen Kontaktplattformen (z.B. GayRomeo, ManHunt, BogotáGay, Facebook) führten nur selten zu brauchbaren Ergebnissen. Was zu deutlich besseren Ergebnissen und auswertbaren Daten führte war die Suche nach und in Foren und Blogs die sich explizit an die Konsumenten von Prostitution wendeten. Detaillierte Informationen über verschieden Etablissements in der ganzen Stadt wie z.B. Anschrift, Anzahl der vorhandenen Frauen, Preise von Getränken und Services und Tagen und Uhrzeiten an denen man die beste Stimmung finden kann sowie Telefonnummern und Namen von Taxifahrern, die gegen ein Entgelt von meist um die 40.000 Pesos (17 Euro) pro Stunde eine Tour durch die verschiedenen Etablissements mit den Kunden machen sind ein hervorragendes Beispiel für den Austausch und die Verbindung zwischen den Konsumenten in der ganzen Welt. Der schnelle Zuwachs an diesen Formen der KSAM und immer weiter wachsende Austausch an Wissen entspringt dem einfach Grund, dass all dies möglich ist ohne seine Identität preiszugeben.
Während der Arbeit in den Zonen der Prostitution konnten wir immer wieder beobachten, dass mit dem sozialen Status und der speziellen Situation der Opfer bestimmte Probleme einhergehen. Das meiner Meinung nach größte Problem ist die Tatsache, dass viele der Jugendlichen (14-17 Jahre) und Heranwachsenden (18-21 Jahre) ihre Situation nicht als Problem verstehen oder nicht bemerken, dass sie sexuell ausgebeutet werden. Vor allem in der Homosexuellen-Szene kommt es öfter vor, dass die Jugendlichen bei ihren Klienten für 2-4 Wochen wohnen und der Sex mit Kleidung, technischen Geräten (z.B. Handys, IPods) und Einladungen in Szenebars oder Diskotheken bezahlt wird. Das es sich hierbei um einen Prozess der Verstraßung handelt entzieht sich der Kenntnis der Opfer. Personen, die ihre Situation nicht als Problem oder gefährlich ansehen lässt sich nur schwer helfen.
Des weiteren bewerten einige Mädchen/junge Frauen ihr Leben als “gut” aufgrund der Tatsache, dass sie in sehr teuren, exklusiven Etablissements “arbeiten”. Hierbei bekamen wir immer wieder zu hören, dass es sich um einen zeitlich begrenzten Job handelt und lediglich dazu dient das Studium zu finanzieren. Tatsache ist jedoch, dass nach dem Bachelor irgendwann der Master kommt und anschließend die Jobmöglichkeiten in Kolumbien immer noch begrenzt sind. Wenn man erstmal in dieser Situation ist und sich selbst nicht als Opfer, das Hilfe benötigt betrachtet wird man immer wieder in alte Muster zurückfallen (z.B. wenn man Arbeit hat, dass Einkommen aber nicht ausreicht, um sich den VW oder das schöne Appartement zu leisten).
Ein weiteres Problem, welches vor allem in den Etablissements niedrigerer sozialer Klassen existiert ist das Risiko Krankheiten, die durch Körperflüssigkeiten oder sexuelle Kontakte übertragen werden zu erwerben. Das Fehlen von ausreichendem Schutz und regelmäßigen ärztlichen Kontrollen sind hierbei als ausschlaggebend zu nennen.
Während unserer Arbeit im Feld sah ich mich immer wieder mit persönlichen oder ethischen Problemen konfrontiert. Niemals zuvor in meinem Leben hatte ich die Möglichkeit die Problematik der kommerziellen sexuellen Ausbeutung so intensiv in der Realität kennen zu lernen. Diese Konfrontation, gepaart mit der Tatsache, dass man zumindest während der verdeckten Arbeit keine Hilfe anbieten kann waren deutlich schwieriger (zu verarbeiten) als die eigentliche Arbeit im Feld.
Ein in der Praxis immer wieder auftretendes ethisches Problem ist, dass wir Minderjährige zum Trinken stark alkoholhaltiger Getränke einladen mussten. In vielen der Etablissements wird ein Minimalkonsum vorgeschrieben (z.B. eine halbe Flasche Rum oder Wodka). Für uns eine gute Möglichkeit die jüngste(n) der vorhandenen Personen einzuladen.
Andererseits habe ich verhältnismäßig viel über die Stadt im Allgemeinen und die KSAM in Bogotá im Speziellen gelernt. Dieses Wissen erleichtert es mir die Einzelsituation der Minderjährigen, welche sich in den Tageszentren oder Heimen der Fundación Renacer aufhalten zu verstehen und somit weiter offen zu sein.
Etwas anderes, das vor allem für mich als Ausländer interessant ist, war der Austausch mit anderen Menschen aus Europa oder Nordamerika. Der Vergleich zwischen verschiedenen persönlichen Motivationen komplettierte meine Wahrnehmung von Stadt und Menschen.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass die Situationen in denen sich die Opfer sexueller kommerzieller Ausbeutung befinden gravierend sind. Das Fehlen von Alternativen und die unmittelbaren Risiken (neben psychologischen Faktoren wie Traumatisierung, sinkendes/fehlendes Selbstwertgefühl,...) machen die Situation äußerst gefährlich für Minderjährige. Der Tatsache geschuldet, dass die Arten der KSAM und die Einzelsituationen der Opfer eine große Bandbreite aufweisen ist es schwer eine Generalstrategie zur Bekämpfung kommerzieller sexueller Ausbeutung Minderjähriger zu entwickeln. In Bezug auf den Sextourismus im Allgemeinen ist es wichtig sich in Erinnerung zu rufen, dass solange es Nachfrage gibt auch das Angebot existieren wird. Was die Auslöschung der Nachfrage empfehlenswerter macht. Die spezielle Situation Bogotás, dass deutlich mehr Geschäftsreisende als Touristen die Stadt besuchen, erfordert jedoch eine stärkere Bekämpfung des Angebots und eine Sensibilisierung der Gesellschaft für die Problematik. Erfolgreich sind aber mit Sicherheit nur Strategien die eine Zusammenarbeit von Sendeländern und Empfangsländern der Touristen vorsehen.
Ich persönlich bin froh darüber in einem Projekt tätig zu sein, dass nicht nur Symptome behandelt, sondern versucht die Grundlage für die erfolgreiche Entwicklung von Strategien zur Bekämpfung kommerzieller sexueller Ausbeutung mit minderjährigen Opfern im Kontext von Reisen und Tourismus zu schaffen.
*aus Wikipedia der freien Enzyklopädie
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